Mein Studienfach Religionswissenschaft


Als Religionswissenschaftler hat man heutzutage mit allerlei Klischees zu rechnen. Wer sich als solcher zu erkennen gibt, wird zunächst für einen Theologen oder Religionslehrer gehalten.
Keine andere wissenschaftliche Disziplin muss permanent definieren, was sie nicht ist, ehe sie Einblicke in die eigenen Forschungsperspektiven geben kann. Dabei ist der Unterschied recht simpel: Theologen sind religiöse Spezialisten und Religionswissenschaftler sind Spezialisten fürs Religiöse.
Ebenso wie Geistliche, Magier oder Schamanen sind Theologen in erster Linie religiöse Spezialisten und keine Wissenschaftler. Das griechische Wort "Theos“ bedeutet nichts anderes als "Gott".
Theologie ist also - ins Deutsche übertragen - die Lehre von Gott oder Göttern im Allgemeinen und im Besonderen die Lehre vom Inhalt des Glaubens und der Glaubensdokumente. So wie jede Religion auf theoretische Grundlagen zurückgreifen kann, finden sich auch in jeder religiösen Weltanschauung eben solche Spezialisten.
Es gibt keine einheitliche Theologie, da es innerhalb der Religionen immer wieder zu gegensätzlichen Überzeugungen hinsichtlich der Auslegung der theoretischen Grundlagen kommt. Theologen schützen und mehren ihr Glaubensgut, sind in ihrer Konfession verhaftet und beschäftigen sich mit dem Fremden in der Regel aus missionstheologischer Sicht.
Religiöse und spirituelle Fragen werden daher wertend mit den eigenen disziplinären Mitteln beantwortet. Der Theologie mangelt es an Ergebnisoffenheit.
"Gott“, "der Glaube“, "die Offenbarung“ und dergleichen werden vorausgesetzt und sind nicht falsifizierbar. Ein solcher Anspruch auf absolute Wahrheiten ist in der Religionswissenschaft ausgeschlossen.
Die theoretischen Fragestellungen sind komplex, die Antworten der Theologie sind es nicht. Zudem werden sie noch so formuliert, dass die Theologie ihre Voraussetzungen zugleich als ihren Gegenstandsbereich behandelt.
Unterstützt werden die Theologen meistens durch die religiösen Institutionen. Daher pflegen christliche Theologen beispielsweise eine enge Beziehung zu den Kirchen ihrer jeweiligen Konfession. Theologische Lehrstühle werden im Einvernehmen mit der Kirche besetzt.
Religionslehrer wiederum sind Pädagogen, die mit der Theologie kooperieren. Sie unterrichten in Deutschland an allgemeinbildenden Schulen und Berufsschulen das Fach Religion bislang ausschließlich unter der Maßgabe christlicher Glaubensvorstellungen. Da der konfessionell gebundene Religionsunterricht an staatlichen Schulen in der Verantwortung der jeweiligen Glaubensgemeinschaft durchgeführt wird, beanspruchen die Religionsgemeinschaften das Recht, ihrem Religionsunterricht beizuwohnen und zu überprüfen, ob der Religionslehrer auch in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Glaubensgemeinschaft unterrichtet.
Für die christlichen Kirchen führen Schuldekane die Fachaufsicht über die staatlichen Lehrer und bei kirchlich bestellten Lehrern neben der Fach- auch die Dienstaufsicht.
Religionswissenschaft hingegen ist eine kulturanthropologische Wissenschaft mit interdisziplinärer Forschungsausrichtung. Gemäß meinen Schwerpunkten bin ich gleichzeitig auch Ethnologe, Kulturwissenschaftler, Sozialanthropologe, Politikwissenschaftler, Philosoph und Teilpsychologe. Es gibt auch viele andere Religionswissenschaftler, die zu gleich Philologen, Soziologen oder Archäologen sind.
In erster Linie ist die Religionswissenschaft eine Geisteswissenschaft, die sich in Kooperation mit den Kulturwissenschaften weniger um das Erklären bemüht (wie es in den Naturwissenschaften der Fall ist), sondern um das Verstehen von Gegenständen und Erzeugnissen, die der Mensch hervorgebracht hat. Die Kulturwissenschaft macht das Fremde und Andere vertraut, entfremdet das Vertraute und hinterfragt alles kritisch. Erkenntnisse können nicht verifiziert werden, da eine absolute Wahrheit nicht existiert. Entgegen der Annahme eines fortschreitenden Bedeutungsverlustes von Religionen zeigt sich sehr deutlich, dass Religionen auch in der Gegenwart ein wesentliches Element des gesellschaftlichen und politischen Lebens sind.
Ziel der Religionswissenschaft ist es daher, die Rolle und Funktion von Religionen für die Prägung individueller Lebenswelten, aber auch von kollektiven Zugehörigkeiten sowie deren Bedeutung für lokale und globale Konfliktlagen zu analysieren. Religionswissenschaftler befassen sich mit den Religionen der Welt, ihren geschichtlichen Ausprägungen, ihren gegenwärtigen religiösen und spirituellen Formen sowie ihren Wirkungen. Zu den religionswissenschaftlichen Subdisziplinen zählen beispielsweise die Religionsgeschichte, Religionsphänomenologie, Religionssoziologie, Religionspsychologie, Religionsethnologie, Religionsökonomie, Religionsgeographie und andere. Was genau eine Religion ist oder eine Handlung als klar religiös bestimmt, konnte bisher nur vorläufig bestimmt werden. Die Antworten sind ebenso komplex wie die jeweiligen Fragestellungen.
Im deutschsprachigen Raum wird das Fach oftmals durch Attribute wie "allgemeine“ oder "vergleichende“ näher bestimmt und häufig mit dem Fach Religionsgeschichte assoziiert. Zum Beispiel nannte sich der Dachverband der Religionswissenschaft in Deutschland 50 Jahre lang "Deutsche Vereinigung für Religionsgeschichte“ und wurde 2005 in "Deutsche Vereinigung für Religionswissenschaft" umbenannt.
Ausbildungsadäquate Tätigkeiten sind in vielfältigen Berufsfeldern möglich. Wolfgang Thierse ging in die Politik. Markus Schächter wurde Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF).
Religionswissenschaftler arbeiten in universitären Forschungseinrichtungen, Museen oder anderen öffentlichen und privaten Kultureinrichtungen. Sie werden von städtischen Kulturämtern oder Internationalen Institutionen und Organisationen beschäftigt. Besonders häufig anzutreffen sind sie auch in den Medien, wo sie in Verlagen oder Redaktionen journalistisch tätig sind.

© 2011 by Martin Ludwig, 35041 Marburg